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Gewissen

Einleitungsartikel: Mein Gewissen verstehen

Erlaubt oder verboten? Wenn das Gewissen unterschiedlich urteilt.

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26. August
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Mein Gewissen verstehen

Wie kommt es, dass das Gewissen dem einen Dinge erlaubt und dem anderen verbietet? Hat das mit dem Gewissen selbst zu tun oder eher mit der Persönlichkeit der Person, der das Gewissen gehört? Wie hängen Gewissen und Persönlichkeit zusammen und wie gehen wir damit um, dass Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen?

Katharina hat sich für Freitagabend mit einer Freundin für einen Kinobesuch verabredet, Else hat abgesagt, weil Jugendstunde ist. Sie kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie Katharina guten Gewissens die Jugend sausen lassen kann. Frank ist ein begeisterter und erfolgreicher Fußballer und nimmt für die Karriere in Kauf, dass er sonntags oft Spiele hat. Gott hat ihn ja schließlich begabt. Peter ist ein hochbegabter Turner, hat aber die Karriere aufgegeben, weil ihn sein Gewissen plagt, dass er so viel Zeit mit weltlichen Dingen verbringt und wenig Zeit für das Bibellesen und die Gemeinde hat.

Wie kommt es, dass die einen guten Gewissens ins Kino gehen und die anderen nicht? Wer gibt dem einen die Erlaubnis und versagt es dem anderen? Ist das Gewissen des einen richtig und das Gewissen des anderen abgestumpft?

Was ist das Gewissen?

Das Gewissen ist die innere Stimme des Menschen. Die Bibel sagt, dass Gott uns eine Norm ins Herz geschrieben hat. „Sie beweisen, dass das Werk des Gesetzes in ihren Herzen geschrieben ist, indem ihr Gewissen mit Zeugnis gibt und ihre Gedanken sich untereinander anklagen oder auch entschuldigen.“ (Römer 2,15) Hier finden wir eindeutig, dass jedem Menschen die Fähigkeit und Möglichkeit gegeben ist, Gutes und Böses zu unterscheiden, Richtiges zu verteidigen und Falsches anzuklagen. Wie kommt es, dass das Gewissen dann nicht mit einer universellen Einheitsstimme zu allen Menschen gleich spricht, wenn es doch göttlichen Ursprungs ist?

Wie kann es dazu kommen, wie wir im Korintherbrief lesen, dass es Menschen gibt, die Götzenfleisch mit reinem Gewissen essen können und welche, deren Gewissen es im Traum nicht erlauben würde, das Götzenfleisch überhaupt anzurühren (1. Kor. 8,1-8). Da Gott es weder erlaubt noch verbietet, muss es eine andere Instanz als das „göttliche Gewissen“ sein, die es verbietet. Wie kann das sein?

Wie funktioniert das Gewissen?

Das Gewissen ist gleichsam ein uns von Gott gegebener innerer Kompass, der allerdings nicht nur von Gott und seinem Wort kalibriert ist, sondern von vielen äußeren Gegebenheiten und inneren Persönlichkeitsmerkmalen mitgeprägt wird.

Unser Gewissen wird nach und nach von den Werten und Worten unserer Herkunftsfamilie und unserer Umwelt geprägt. Diese Werte, Glaubenssätze, Überzeugungen, Vorstellungen und Bewertungen sagen uns dann im späteren Leben, was „richtig“ und „falsch“ ist. Das ist zunächst einmal ein sehr natürlicher Vorgang, der sehr prägend ist und einen entscheidenden Einfluss auf unser Leben hat. Diese Glaubenssätze werden darüber entscheiden, wann und ob unser Gewissen ausschlägt. Gleichzeitig kann im späteren Leben durch Erfahrungen, Begegnungen, persönliche Reife und die Gottesbeziehung eine Nach- bzw. Neujustierung erfolgen.

Wenn du mehr wissen willst über das Gewissen und warum wir es brauchen, kannst du diesen Artikel lesen: Was ist das Gewissen und warum brauchen wir es?

Wann schlägt das Gewissen an?

Das Gewissen ist zwar göttlichen Ursprungs, eine uns von Gott gegebene Instanz, wird aber gleichzeitig von vielen äußeren und inneren Faktoren beeinflusst. Um nun zu verstehen, wie das Gewissen mit der eigenen Persönlichkeit zusammenhängt und warum es unterschiedlich reagiert und spricht, hilft es, sich das Gewissen wie eine Waage vorzustellen, die ausschlägt und anzeigt, dass ein bestimmtes Maß erreicht, beziehungsweise überschritten wurde. So wie es unterschiedliche Persönlichkeiten gibt, gibt es Nanowaagen, Briefwaagen, Viehwaagen, Präzisionswaagen, Industriewaagen, Autowaagen, ... Die Präzisionswaage hat schon längst ausgeschlagen, während sich bei der Industriewaage noch nichts tut. So ist es mit unserem Gewissen.

Die Frage, ob die Waage ausschlägt oder nicht, hat sehr viel mit unserer Persönlichkeit zu tun. Eine Persönlichkeit, die Wunder erleben will, die mit Gott über Mauern springen will, die wie Petrus auf dem Wasser gehen möchte, wird viel mehr riskieren und ausprobieren und nicht in erster Linie die Frage nach „richtig oder falsch“ stellen. Da kann es durchaus ziemlich lange dauern, bis die Waage mal ausschlägt und zur Ordnung mahnt. Andererseits gibt es die Perfektionisten unter uns, die es in erster Linie richtig machen wollen, die Gott gefallen wollen, die Angst haben, Dinge falsch zu machen. Deren Gewissen wird viel schneller ausschlagen, weil ihre Waage auf Präzision geeicht ist.

Wenn du von deiner Prägung her ein schwaches Gewissen hast, hilft dir dieser Artikel zu einem reifen Christsein: Was, wenn mein Gewissen falsch geprägt ist?

Wer hat jetzt recht?

Wie gehen wir nun damit um? Soll der eine den anderen überreden? Hat die Präzisionswaage oder die Industriewaage recht? Römer 14,3 zeigt uns die Problematik: die Industriewaage verachtet die Präzisionswaage und empfindet sie als kleinkariert, gefangen, unreif, unmutig und ausbremsend und die Präzisionswaage richtet die Industriewaage und fragt sich: „Wie kann man nur?“. Beides sollen wir lassen. In Vers 5 heißt es: „Jeder sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt.“

Wie wir mit unterschiedlichen Gewissensmeinungen umgehen können, erfährst du in diesem Artikel: Wie wir mit unterschiedlichen Meinungen umgehen können

Also weiter wie bisher?

Soll Katharina ins Kino, Else in die Jugendstunde, Frank Fußball spielen und Peter Bibel lesen? Ich glaube, es ist wichtig, die eigene Persönlichkeit zu verstehen und zu wissen, was mein Gewissen geprägt hat und wie es geeicht ist. Und dann das eigene Gewissen mit der Wahrheit des Evangeliums vertraut machen. Das ist ein Prozess, der sich lohnt und reifen lässt, zu „Erwachsene(n), die infolge der Gewöhnung geübte Sinne haben zur Unterscheidung des Guten wie auch des Bösen.“ (Hebräer 5,14) Das erfordert Erfahrung, ehrliche Selbstreflexion, Kenntnis des Wortes Gottes und die Bereitschaft zur Korrektur.

„Darf ich das?“, ist oft die Frage, mit der viele Christen konfrontiert sind. Lies diesen Artikel zu der Fragestellung und lerne, wie Paulus uns neue Maßstäbe an die Hand geben möchte.

Wir können lernen, unser Gewissen mit biblischen Wahrheiten zu füllen, zu unterscheiden, was die eigenen Stimmen sind und was Gottes Stimme ist. Und dann ein Gewissen haben, das auf Gott und Seine Wahrheit ausgerichtet ist, das Unterschiede aushalten kann, das hört, wo Gott uns ruft, mutige Schritte zu gehen und (selbstauferlegte) Grenzen zu überschreiten und wo Gott uns an Grenzen erinnert, die wir vielleicht vorher nicht sehen wollten.

Vielleicht lässt Katharina dann mal das Kino sausen und wundert sich, wo Else bleibt. Und vielleicht wird Peter Europameister im Turnen und Frank der neue Jugendreferent.