Wie bewerten wir KI?
Ist Künstliche Intelligenz gut oder doch eher schlecht für die Menschheit? Dieser Artikel gibt eine ethische Einschätzung zur Benutzung von KI.
Künstliche Intelligenz: Faszinierend, hilfreich und gefährlich.
Riesige Hoffnungen – große Befürchtungen
In der öffentlichen Diskussion ist Künstliche Intelligenz weit mehr als ein neues Computer-System zur Erzeugung von Texten, Tönen, Bildern und Programmen. Manche hoffen nicht nur auf deutliche Arbeitserleichterungen, sondern erträumen sogar die Lösung der großen Menschheitsprobleme durch Künstliche Intelligenz. Wird sie nur mit den richtigen Daten gefüttert und trainiert, dann wird sie aufzeigen, wie man Kriege verhindern, ungerechte Sozialverhältnisse und das Gesundheitswesen verbessern, der Klimaerwärmung begegnen und politische Kontroversen vermeiden kann.
Andere prognostizieren den sicheren Weltuntergang, wenn man es verpassen sollte, Künstlicher Intelligenz schnellstens straffe Zügel anzulegen. Nicht ganz unbegründet verweist man dann darauf, dass KI eben keine Verantwortung für Entscheidungen übernehmen kann, dass sie auch keine Schmerzen fühlt und deshalb ohne Empathie und Mitgefühl reagiert.
Ein pauschaler Kampf gegen Künstliche Intelligenz ist aber unbegründet und weitgehend sinnlos. Man steht in der Gefahr, die positiven Effekte zu übersehen und die Negativen zu übertreiben. Man verpasst die Möglichkeit, den Einsatz Künstlicher Intelligenz im eigenen, auch im christlichen Umfeld zu beeinflussen und zu prägen. Außerdem macht man sich bei allen unglaubwürdig, die in Studium, Beruf und Freizeit Künstliche Intelligenz arbeitserleichternd und kreativ einsetzen.
Künstliche Intelligenz erleichtert die Arbeit
Künstliche Intelligenz erledigt nicht nur stupide Arbeiten. In Sekundenschnelle schreibt sie Referate, Werbetexte oder Programmcodes. Künstliche Intelligenz trifft dabei nicht genau vorhersehbare Entscheidungen. Sie kann sogar kreative Aufgaben übernehmen, wie das Erstellen von Gemälden oder das Komponieren von Musikstücken. Künstliche Intelligenz kann Informationen im Internet sammeln, auswählen und in neuen Formulierungen zusammenfassen. Das verändert die Arbeitswelt und auch das Selbstverständnis des Menschen tiefgreifend.
Immer stärker nimmt Künstliche Intelligenz Menschen das Denken und Entscheiden ab. In manchen Fällen ist das hilfreich, weil Computer gewöhnlich weniger Emotionen und Eigeninteressen in ihre Entscheidungen einfließen lassen als Menschen. Außerdem reagieren sie zumeist deutlich schneller. Computergestützte Prozesse in Autos, Flugzeugen und Zügen verringern schon heute die Wahrscheinlichkeit von Unfällen erheblich. Computer und Sensoren können nicht müde oder abgelenkt werden. KI hilft, ungeliebte Routineaufgaben leichter und schneller zu erledigen, Daten zu sammeln oder Formulare und Anträge auszuwerten.
Schwierige Unterscheidung zwischen echt und falsch
Mit KI gefälschte Studien, Nachrichten und Bilder überschwemmen inzwischen das Internet. Fake- News werden dank KI immer schwerer erkennbar. Auch bei anderen Betrügereien eröffnen sich durch KI ganz neue Möglichkeiten. Internetunternehmer wissen um die Probleme mit gefälschten Inhalten, die durch KI einfach und in hervorragender Qualität erstellt werden. Instagram-Chef Adam Mosseri warnte Anfang 2026 in einer öffentlichen Stellungnahme davor, dass Menschen ihren Augen bald nicht mehr trauen könnten. KI-generierte Bilder und Videos seien inzwischen so realistisch, dass eine zuverlässige Identifizierung kaum noch möglich sei. Statt wie bisher zu versuchen, künstliche Inhalte aufzuspüren, schlägt Mosseri einen anderen Weg vor: Echte Fotos und Videos sollen künftig mit einem digitalen Fingerabdruck versehen werden. Das Konzept sieht vor, dass Smartphone- und Kamerahersteller Aufnahmen bereits im Moment ihrer Erstellung kryptografisch signieren. Diese Markierungen bleiben erhalten, wenn das Bild verarbeitet oder im Internet veröffentlicht wird.
Texte schreiben und korrigieren mit KI
Mit KI bekommt man schnell auf jede Frage eine passende Antwort. Chatbots verfassen je nach Wunsch auch ganze Aufsätze. Vor allem werden zukünftig schwache Schüler oder Personen unter Zeitdruck deshalb zu Anwendungen wie ChatGPT greifen. Dadurch bekommen sie zwar ein schnelles, unter Umständen sogar repräsentatives Ergebnis, wissen aber nicht, wie die darin geäußerte Meinung zustande gekommen oder wie glaubwürdig sie ist. In zahlreichen Einzelabfragen geben Chat- Programme nachweislich falsche Informationen. In den ersten Versionen von ChatGPT wurde beispielsweise der Elefant als größtes Säugetier genannt und Donald Trump schon zwei Amtszeiten als US-Präsident zugeschrieben, obwohl seine Wiederwahl noch gar nicht stattgefunden hatte.
Wer ChatGPT sinnvoll nutzen will, der muss ganz gezielte und gut überlegte Fragen formulieren. Möchte man beispielsweise erfahren, wann und von wem das Buch Daniel verfasst wurde, wird man bei einer einfachen Anfrage nur die gängige, aber bibelkritische Antwort vorgesetzt bekommen. Man sollte also gezielter nach „Verfasserschaft Daniel, evangelikale Sicht“, „Verfasser Daniel nach konservativer Auffassung“ oder „Verfasserschaft Daniel, verschiedene Deutungen“ fragen.
Anwendungen mit künstlicher Intelligenz, wie ChatGPT, erleichtern im Idealfall die Routine von Recherche und Darstellung eines bisherigen Forschungsstandes. Gerade dieser oft mühsame Prozess aber ist absolut notwendig, damit ein Mensch, der dann kreativ weiterdenken soll, die Vielfalt und Komplexität seines Themas wahrnimmt und versteht, einschließlich aller wirklich relevanten Fakten und Gegenargumente. Wesentliche Probleme von KI-Angeboten wie ChatGPT liegen
- In der zwangsläufigen Zunahme von indirekten Plagiaten, die aber deutlich schwerer erkennbar sind und
- In einer abnehmenden Fähigkeit zur eigenen Analyse und Bewertung eines komplexeren Sachverhalts. Außerdem kann es schnell dazu kommen, dass die zur Beurteilung eigentlich benötigten Sachinformationen noch stärker als bisher ausgeklammert oder nicht gelernt werden
KI für die Predigt
Künstliche Intelligenz kann dabei helfen ein aktuelles Predigtthema zu finden und zu formulieren. KI stellt auf gezielte Anfrage eine Liste relevanter Bibelstellen zusammen, die als Ausgangspunkt für eine genauere Themenrecherche dienen können. Hat man bereits einen konkreten Bibeltext ausgewählt, kann KI dabei helfen, die Hauptgedanken zu finden und aktuelle Anwendungen zu formulieren.
KI kann praktische Beispiele, Geschichten oder Metaphern vorschlagen, die den Predigtinhalt greifbar machen. Eine entsprechende Anfrage kann etwa so lauten: „Gib mir drei aktuelle Beispiele für ‚Licht in der Welt sein‘.“ KI kann auch eine der ausgearbeiteten Predigt entsprechende Präsentation erzeugen und dabei helfen passende Lieder zu finden. Beispiel: „Welche Lieder passen zu einer Predigt über Hoffnung?“
Auch bei der Suche nach Anwendungen und konkreten Aufgaben für die Zuhörer kann man durch KI auf entsprechende Gedanken gebracht werden. Beispiel: „Wie kann man Vergebungsbereitschaft im Alltag einüben?“
KI kann darüber hinaus die eigene Stichwortsammlung oder die unzusammenhängend notierten Gedanken in eine besser lesbare logische und sprachliche Form bringen. Beispiel: „Mache aus den Stichpunkten einen gut lesbaren, zusammenhängenden Text!“
Bei aller KI-Unterstützung darf aber nicht vergessen werden, dass letztendlich der Prediger mit seinem Leben und Denken hinter seinen Aussagen stehen muss. Zuhörer merken schnell, ob lediglich von KI zusammengefasste Konzepte vorgetragen werden, oder ob der Redner verstanden und erlebt hat, wovon er spricht. Ohne diese Ebene bleibt die Predigt formal, distanziert und leblos.
KI in der Bibel?
In der Bibel finden sich keine direkten, dafür aber einige indirekte Aussagen zum richtigen Umgang mit KI.
Ehrlichkeit
„Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein! Alles, was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Mt 5,37) - „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander verbunden sind.“ (Eph 4,25)
Lügen ist trügerisch. Durch Worte und Taten gibt sie etwas vor, das nicht der Realität entspricht. Dadurch sollen andere Menschen getäuscht werden. Menschen erhoffen sich durch Lügen Vorteile, die ihnen nicht zustehen, den Schutz vor Kritik, Anerkennung oder Ähnliches.
Im Umgang mit KI kann man in mehrerer Hinsicht lügen. Bei Ausarbeitungen oder Vorträgen, die überwiegend auf KI basieren, gibt eine Person das Geschriebene oder Gesagte als Ergebnis seines Nachdenkens aus. In Wahrheit aber wird etwas präsentiert, das man weder erarbeitet noch gründlich durchdacht hat. Wenn man eine durch KI erzeugte Ausarbeitung in der Schule oder bei der Arbeit abgibt kann das sogar als Betrug angesehen werden, weil man auf eine gute Note oder eine Bezahlung für eine Leistung hofft, die man nicht erbracht hat.
Alles prüfen
„Prüft aber alles und behaltet das Gute!“ (1Thess 5,21)
Bei sachgerechtem Gebrauch kann KI wertvolle Hilfe leisten. Dabei ist es aber wichtig, den jeweiligen Einsatz von KI und deren Antworten realistisch zu prüfen. In jedem Fall gilt es die Angaben und Ratschläge der KI anhand der eigenen Erfahrung und des Wortes Gottes zu überprüfen. Im Zweifelsfall sollte man den vielfach bewährten Aussagen der Bibel mehr vertrauen als wohlklingenden Antworten der KI.
Für die Jugendstunde
Pro & Contra
Stelle zwei etwa gleichgroße Gruppen zusammen. Lass die einen Argumente zusammenstellen, die für einen umfassenden Einsatz von KI sprechen. Die anderen sollen Argumente dagegen sammeln. Lass dann zwei oder drei Vertreter aus jeder Gruppe unter Moderation vor den anderen miteinander diskutieren. Jeder soll dabei zu Wort kommen. Eventuell muss der Gesprächsleiter die jeweils schwächere Gruppe etwas unterstützen.
KI verstärkt Vorurteile
Gib der KI zwei unterschiedliche Profile für die Entscheidung über eine berufliche Anstellung oder Mietwohnung aus Sicht des Arbeitgebers bzw. Vermieters (mit Namen, Nationalität, Alter, besserem oder schlechterem Wohnort usw.). Vergleiche die von der KI generierten Antworten und sprich darüber, wie unterschiedliche Empfehlungen zustande kommen. Manches liegt an den der Künstlichen Intelligenz zugrundeliegenden Daten und den darin enthaltenen Vorurteilen.
KI christlich nutzen
In kleinen Gruppen soll innerhalb von 30 Minuten ein christlicher Post für Soziale Netzwerke entworfen werden. Erlaubt sind Bilder, Töne, Texte, solange das Copyright beachtet wird. KI-Werkzeuge sollen bei der Erstellung ausprobiert werden. Man könnte in einer allgemeinverständlichen Sprache kurze praxisorientierte Gedanken zu einem Bibeltext verfassen. Man könnte einen ausgewogenen christlichen Kommentar zu einem aktuellen Ereignis formulieren. Man könnte eine eindrückliche eigene Erfahrung im Glauben beschreiben. Man könnte sich sachlich und pointiert mit einem Vorwurf gegen den Glauben auseinandersetzen. . - Im Anschluss werden alle Beiträge vorgestellt und von der Gruppe konstruktive Verbesserungsvorschläge genannt.
Zum Weiterlesen: Michael Kotsch: Künstliche Intelligenz, Christliche Verlagsgesellschaft, Dillenburg 2026