Echte Jüngerschaft: Wie die Bibel meine politische Neigung korrigieren kann
Unser alltägliches Leben wird zunehmend politisch aufgeladen. Dieser Artikel will Hilfen geben, um mit Teenagern über unseren Auftrag als Nachfolger Jesu und unsere aktuellen politischen Herausforderungen zu sprechen.
Ziel
Dieser lange Artikel soll dir helfen, dich auf ein Gespräch mit Jugendlichen über Politik vorzubereiten und darin biblische Wahrheiten zu zeigen. Nach einer kurzen Einführung will ich dir im Hauptteil allgemeine Hinweise geben, die du in ein Gespräch bringen kannst, bevor ich dir zeige, wie du mit Bibelstellen und der großen Geschichte der Bibel auf eher konservative bzw. progressive politische Positionen bei Jugendlichen reagieren kannst. Ziele sind
- Horizonterweiterung durch einen mündigeren Umgang mit dem Thema Politik
- Spannungen aufzuzeigen
- extreme Positionen vermeiden
- in einer polarisierenden Gesellschaft eine versöhnliche biblische Stimme einzubringen.
Alles wird politisch – Polarisierung und Algorithmen
Wir leben in einer Zeit, in der vieles politisiert wird. Hafermilch im Café, Marketing für Käse, CO2-freies Reisen. You name it. Im Alltag wird geprüft, ob eine Aktion moralisch und politisch passend ist. Das wird durch Social Media noch aufgeladen. Selten geht es um Kompromisse und Verständnis füreinander, sondern darum, auf welcher Seite du stehst.
Diese Aufladung trifft mit voller Wucht auf eine Generation von Jugendlichen, die in einem konstanten Krisenmodus aufwächst. Die Reaktion auf Probleme ist eine Flucht dahin, alles eindeutig zu sehen: Jugend tendiert heute vermehrt zu schwarz-weißen Antworten. Das zeigt sich auch im Wahlverhalten. Die politischen Ränder, sowohl AfD als auch Die Linke, haben bei den letzten Wahlen in der jungen Bevölkerung sehr stark gepunktet.
Das spürst du auch als Christ. In Freikirchen kommt vermehrt die Frage nach politischen Ansichten auf. Dagegen war die Gemeindelandschaft früher teilweise noch apolitisch. Jetzt findest du häufiger rechts-konservative Positionen mit einem großen Anliegen für traditionelle Familienwerte und Sexualethik und einer gewissen Regierungsskepsis und Politikverdruss. In einem progressiven Spektrum findest du dagegen häufiger eher “linke Themen” wie Gerechtigkeit, Diversität und globale Solidarität. Unbedenklicher Pro-Israel-Position steht großer Kritik an Israel entgegen. Das Unverständnis übereinander wächst. Der Christ mit einer anderen politischen Überzeugung kann plötzlich wie ein Gegner erscheinen. Social Media befeuert das noch, denn die Algorithmen, denen wir ausgesetzt sind, belohnen das Extreme. Wie reden wir also mit Jugendlichen, die in “ihrem Feed" eine extremere Echokammer ihrer eigenen Ansichten bekommen?
Grundlagen in der Spannung zwischen Politik und Glaube
Jünger Jesu sind Salz und Licht
Jesus beruft seine Jünger in der Bergpredigt dazu, Salz und Licht der Erde zu sein (Matthäus 5,13-16). Was heißt das für unser Thema? Wir unterwerfen uns als Christen nicht zuerst einem politischen System, sondern Jesus Christus.
Christen engagieren sich in der Gesellschaft, aber unter der Herrschaft Christi, nicht unter der Agenda einer Partei. Wir unterstützen den Staat, wo er Gutes wirkt und suchen der Stadt Bestes (Jeremia 29,7). Wir sind aktiv in der Gesellschaft, im Vereinswesen und in der Politik, als Licht und Salz. Aber wir bringen dort auch etwas ein, was ohne uns fehlen würde. Salz wirkt in salzlosem Essen und nicht dort, wo schon viel Salz ist. Licht strahlt besonders in dunklen Ecken. Christen zeigen deswegen in der Gesellschaft auch blinde Flecken auf. Bilden also immer (ein wenig) Opposition. Korrigierend. Konstruktiv und aktiv. In Vereinen bringst du bspw. aktiv deine Jesus-Nachfolge mit ein. In Linksparteien bringst du als Christ das ein, wo deine Partei bei christlicher Ethik blind ist. In rechten Parteien ebenfalls. In linken Parteien bspw. mehr Einsatz für das ungeborene Leben, in rechten Parteien bewegst du stärker soziale Fragen ausgehend von der Ethik Jesu. Das ist natürlich erstmal etwas utopisch und auch nur bis zu einem gewissen Grad möglich.
Autoritäten zu kritisieren ist in der Bibel ziemlich normal. Nathan konfrontiert König David (2. Samuel 12), Johannes der Täufer kritisiert König Herodes (Markus 6,18). Die Apostel sagen klar: “Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen” (Apostelgeschichte 5,29). Linke wie auch rechte Politik zu kritisieren ist Teil davon, Salz und Licht zu sein.
Gottes Reich ist nicht von dieser Welt
Und das bedeutet grade nicht Macht auszuüben. Daher ist es auch eine Illusion, auf die eine christliche Partei zu hoffen, die über eine breite Gesellschaftsschicht “christlich” regieren wird. Diese Partei wird nämlich schon in ihrem Bemühen nach Macht auf dem eigenen – dem christlichen – Auge blind sein. Denn sie vermischt Kategorien, die für unseren Herrn nicht zusammen gingen. Er sagte vor Pilatus, dass sein Königreich nicht von dieser Welt sei (Johannes 18,36). Die Pharisäer erinnerte er daran, dass Kaiser und Gott unterschiedliche Dinge gehören (Matthäus 22,21). Gottes Reich ist also nicht von dieser Welt, wirkt aber auf eine andere Weise in der Welt. Verordnete christliche Ethik endet vor allem sehr eng gedacht in Tyrannei. Das zeigen einige Beispiele um Calvin, Zwingli, die Puritaner Neuenglands, die Täufer von Münster oder Kriege in der Frühen Neuzeit.
Gottes Reich kennt Freiheit
Und das war das Gegenteil dessen, wie Jesus mit den Leuten umgeht, die ihm nicht mehr folgen wollen: “Von da an zogen sich viele seiner Jünger zurück und folgten ihm nicht mehr. Da fragte Jesus die Zwölf: „Und ihr, wollt ihr mich etwa auch verlassen?“ (Johannes 6,66-67). Jesus zwingt hier die Abtrünnigen nicht in bestimmte Nachfolgemuster. Er baut sein Reich nicht durch Zwang, Mehrheit oder Macht, sondern durch Einladung. Wer geht, darf gehen. Wer bleibt, bleibt aus Überzeugung. Wie sollte sich auf dieser Freiwilligkeit, die Jesus Christus seinen (Nicht-Jüngern) zugestand, eine politische Agenda aufbauen? Und mit der nächsten Frage kommt die Spannung ins Thema: Wie kommen trotzdem christliche Positionen in die Politik?
Jünger Jesu dienen
Christen in der Gesellschaft dienen deshalb und dominieren nicht (Markus 10,43-44). Wir bringen unsere Gedanken hoffnungsvoll positiv in die Gesellschaft, Regierung und Parlamente ein. Wir gehen den unteren Weg. Wir suchen nach Glaubwürdigkeit statt nach Macht, die durch das Maß unserer Liebe ausgedrückt wird. Die Grenzen unseres Dienstes anzuerkennen und radikale Nächstenliebe zu leben gehören zusammen. Wie gestalten wir das?
Jünger Jesu haben Hoffnung
Politik ist oft von den Ängsten der Menschen getrieben: Wenn “wir” jetzt nicht “gewinnen” oder uns durchsetzen, geht alles unter bzw. wird die Zukunft nicht gelingen. Da können wir von unterdrückten Christen lernen, die als Salz und Licht in wesentlich herausfordernden Systemen leben.
Wer bringt die Hoffnung und bewirkt die Veränderung? Deine Partei oder Christus? Ich bin zuerst Christ – alles andere ist nachgeordnet. Wir dürfen unsere Identität in Christus setzen, statt in Ideologie. Gerade Männer suchen nach einer Heldengeschichte, an der sie sich in der Unsicherheit dieser Welt orientieren können. Das können wir ihnen in unserer Gruppe gerne zugestehen. Zeige ihnen Jesus aber als den christlichen “Anti-Helden”. Einen Helden, der auf dieser Erde siegt, nicht, indem er herrscht, sondern dient. Der irdische Triumphalismus liegt nicht im Wesen des uns offenbarten Christus. Wer zu ihm gehört und als Salz und Licht lebt, wird langfristig siegen. Das garantiert das Kreuz. Christus ist König. Seine Herrschaft kommt. Wir dürfen für immer Hoffnung haben. Hoffnung liegt in der Auferstehung, nicht im Wahlergebnis.
Konkrete Gesprächsideen
In ein konkretes Gespräch mit einem Jugendlichen, der sich über Social Media und seine Peer-Group in eine bestimmte Richtung entwickelt hat, kannst du folgende allgemein Gedanken mitnehmen:
- Welche Bibelstellen sprechen gegen deine aktuelle politische Überzeugung? Wie gehst du mit ihnen um?
- Was könnten deine aktuellen blinden politischen Flecken sein?
- Tipp: Folge den Top-YouTubern der rechten und der linken Szene.
Für eher konservative Jugendliche
In ein Gespräch mit eher konservativen Jugendlichen, die sich traditionell eher dem rechten Parteienspektrum in der Parlamentsordnung zuwenden, kannst du folgende Gedanken aus der Bibel mitnehmen:
- Das Reich Gottes ist größer als jede Nation und überzeitlich (Offenbarung 7,9). Das kann Hoffnungen in starken Nationalismus entgegenwirken. Der Gedanke “Mein Volk zuerst” passt nicht so richtig zu “dein Reich komme” im Vater unser.
- Im Reich Gottes spielen Herkunft, Status und Geschlecht keinen Grund für Benachteiligung: Da ist weder Jude noch Grieche (Galater 3,28).
- Gott liebt den echten Dienst am Nächsten. Er liebt gerechtes und barmherziges Handeln mehr als religiöse Taten, während unsere Mitmenschen weiter leiden. Gott sorgt sich sehr stark um die Schwachen und Ausgegrenzten. Am stärksten kommt das in Jesaja 58 heraus.
- Nächsten- und Feindesliebe: In der Verbindung des größten Gebots (Matthäus 22,37-39) mit Galater 3,28 lässt die Bibel keinen Raum für Rassismus, Überlegenheitsdenken und besonders nicht für Antisemitismus.
- Nicht nur persönliche Verantwortung kann uns herausfordern, die im konservativen Spektrum sehr betont wird. In Jesaja 58 kommt heraus, dass auch Strukturen problematisch sein können. Das Sprichwort “Jeder ist seines Glückes Schmied” trifft nur zum Teil zu. Armut kann auch mit den großen Strukturen, die uns umgeben, zu tun haben. Nicht umsonst gibt es große Kritik an Reichtum und Wohlstand an sehr vielen Stellen im Neuen Testament und damit auch an den Strukturen und Mustern, die das mit sich bringt.
- Lass uns auf Reichtum, Gier und Wohlstand schauen: Das wird in der Bibel nicht als das große Ziel gesehen, sondern im Neuen Testament als große Hürde für Gottes Reich (Matthäus 19,24). Geldliebe ist eine Wurzel allen Übels (1. Timotheus 6,10). Jesus warnt besonders die Reichen und Wohlhabenden: “Wehe euch Reichen” (Lukas 6,24). Das ist auch eine Kritik an einer Gesellschaft, die von Gier und Kapitalismus dominiert ist. Wo wird Profit heute wichtiger als Menschen? Und warum verdienen manche Menschen nur einen Bruchteil von dem, was wir verdienen?
- Im konservativen Spektrum werden alle Sünden im Spektrum der Sexualität oft besonders stark betont und auch innerhalb einer Gesellschaft angekreidet, während Gier, Neid, Ungerechtigkeit, Härte oder Lieblosigkeit weniger Beachtung finden. Gottes Maßstab kennt dagegen keine Rangfolge der Sünden.
- Freiheit in Jesus bedeutet nicht einfach “Machen, was man will”, sondern “Tun, was richtig ist.” (Galater 5,13; Jakobus 1,25).
- Gott hat den Menschen beauftragt, die Erde zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 2,15). Gott liebt seine Schöpfung (Psalm 104). Christliche Politik steht gegen Ausbeutung. Nachhaltiges Denken ist deshalb kein "linkes" Thema, sondern eine Frage der Treue gegenüber dem, was Gott uns anvertraut hat.
Für eher progressive Jugendliche
In ein Gespräch mit eher progessiven Jugendlichen, die sich eher dem linken Parteienspektrum in der Parlamentsordnung zuwenden, kannst du folgende Gedanken aus der Bibel mitnehmen:
- "Du sollst nicht stehlen" (2. Mose 20,15) setzt voraus, dass es dein und mein Eigentum gibt – Gott erkennt Besitz als legitim an. Das steht nicht im Widerspruch zu Jesaja 58: Eigentum ist nicht gleich Ausbeutung oder Ungerechtigkeit. Es soll verantwortungsvoll verwaltet und geteilt werden.
- Nicht jede Ungleichheit ist auch ungerecht. Gott ist perfekt gerecht und verteilt Gaben, Verantwortung, Status und Talente unterschiedlich (z. B. in Matthäus 25,14-30 oder 1. Korinther 12,10-11).
- Ehe von Mann und Frau wird in der Bibel als gute, von Gott gewollte Ordnung beschrieben. Kinder sind ausdrücklich Segen (Psalm 127,3). Die traditionelle Familie ist eine biblisch begründete Ordnung mit besonderen schützenswerten Grenzen.
- Wir sind schon Person im Mutterleib (Psalm 139,15-16). Das Leben ist deswegen dort schon zu schützen. Dieser Schutz gilt in jedem Stadium der Entwicklung: vor Frühsexualisierung, vor Gewalt und Missbrauch, vor Drogen & Alkohol.
- Die Bibel bindet Sexualität an die Ehe (Hebräer 13,4; 1. Korinther 6,18-20). Das ist keine Einschränkung, sondern ist Ausdruck davon, dass Sexualität für einen Raum von Treue und Verbindlichkeit gedacht ist.
- Progressiver Glaube führt nicht automatisch zu liebevollem oder inklusivem Handeln. Nächstenliebe hängt mehr an gelebter Praxis als an der theologischen Ausrichtung.
- Mission ist nicht politisch zu verurteilen. Den Glauben in der Gesellschaft zu teilen, bedeutet nicht, sich zu überheben. Der Missionsbefehl gilt weiterhin: "Macht alle Völker zu Jüngern" (Matthäus 28,19-20). Wer Menschen liebt, kann nicht schweigen, wenn sie ohne Christus verloren sind. Liebe zeigt sich nicht nur in sozialem Engagement, sondern auch darin, die Wahrheit über Jesus weiterzugeben.
- In einem progressiveren politischen Spektrum kann der Wahrheitsbegriff schnell ausgehöhlt sein. Liebe ohne Wahrheit neigt zu Beliebigkeit. Jesus nimmt selbst in Anspruch die Wahrheit zu verkörpern (Johannes 14,6). Eine Wahrheit, mit der wir in Beziehung stehen, und die wir nicht besitzen.
- Die Bibel betont, Eigenverantwortung, Fleiß und den Wert von Arbeit (1. Mose 2,15; Epheser 4,28). Gleichzeitig gilt das Sabbatgebot (2. Mose 20,8-11) als Schutz vor Ausbeutung. Faulheit, Trägheit in Kombination mit Betrug werden verurteilt (Sprüche 6,6; 1. Timotheus 5,18; 2. Thessalonicher 3,10).
- Nicht nur Strukturen sind schuld, auch ich selbst bin Sünder (Hesekiel 18,20). Ich habe als Mensch Verantwortung vor Gott und kann eigenverantwortlich auch abseits eines ungesunden Systems Entscheidungen für das Gute treffen (Römer 12,2; Galater 6,4-5). Strukturelle Ungerechtigkeit entlässt uns nicht aus persönlicher Verantwortung.
- Autoritäten haben einen Wert und Platz in Gottes Ordnung. "Jeder soll sich den Trägern der staatlichen Gewalt unterordnen" (Römer 13,1). Autorität ist nicht einfach Unterdrückung, sondern kann von Gott eingesetzt sein, um Ordnung und Gerechtigkeit zu sichern. Auch Jesus erkennt eine Unterscheidung zwischen staatlicher und göttlicher Autorität an (Matthäus 22,21), statt Autorität grundsätzlich infrage zu stellen.
- Sachliche Kritik an israelischer Politik ist legitim. Problematisch wird es, wenn dabei alte antisemitische Muster nach oben geholt werden oder das offensichtliche Handeln mit Gottes Volk kritisiert wird. Etwa durch Verschwörungserzählungen über "jüdische Weltmacht" oder doppelte Standards, die nur bei Israel angelegt werden. Wachsamkeit gegenüber Antisemitismus ist im progressiven Spektrum wie konservativen Lager wichtig.
Spannung zeigen
Mit diesen ausführlichen Gedanken gehst du gut vorbereitet in ein Gespräch über Politik. Du kannst in diesem Gespräch Spannungen aufzeigen, die sich aus der Bibel für aktuelle politische Positionen ergeben. Du kannst zeigen, dass sich manche Dinge gar nicht richtig auflösen, sondern irgendwie immer in Spannung stehen. Christliche Ethik ist eine Ethik für Jünger, die Gottes Geist in sich tragen und nicht zum Regieren gedacht. Das macht „christliche Politik“ nicht so leicht. Unser Glaube beeinflusst Länder, verordnet dort aber kein christliches Leben. Deswegen bemühen wir uns darum, unsere Ethik zu übersetzen und sie nicht vorzusetzen.
Ich hoffe, ich konnte dir mit diesen Gedanken ein wenig weiterhelfen. Und ich hoffe auch, dass sie dir nicht zu plakativ und einfach erscheinen. Schreib mir gerne per Mail ein Feedback.